Die linguistische und die didaktische Grammatik im Fremdsprachenunterricht

Inhaltsverzeichnis

 

  1. Einleitung
  2. Die Grammatik

1.1 Linguistische Grammatik

1.2 Didaktische Grammatik

  1. Anwendungsgebiete und Anwendungsmöglichkeiten

2.1. Das Perfekt in der linguistischen Grammatik

2.2. Das Perfekt im Lehrwerk «Tangram»

  1. Vergleich – Kommentar
  2. Zusammenfassung
  3. Literaturverzeichnis

Anhang

  1. Einleitung

«Verba volant, scripta manent» sagten die alten Römer, was so viel bedeutet wie: Das Gesprochene fliegt, das Geschriebene bleibt. Die Grammatik hält mitunter fest, wie die Sprache in einem konkreten Zeitraum „aussieht“. Man braucht nur an den Alt-Griechisch- und Lateinunterricht zu denken, und was man dabei an Grammatik lernen muss. Das Latein ist durch die umfangreiche Präsens der Grammatik geprägt. Es ist unmöglich Latein zu lernen, ohne die Grammatik des Lateinischen zu lernen. Latein existiert heute als gesprochene Sprache nicht mehr, doch es bildet die Grundlage aller romanischen Sprachen, und beeinflusste auch germanische Sprachen, vor allem die englische, aber auch die deutsche Sprache. Latein überdauerte den Untergang Westroms und war  im Mittelalter die Sprache der Gelehrten. Im Mittelalter haben sich die Sprachen auseinander entwickelt, doch blieb vieles gemein. Darunter viele grammatische Strukturen. In der Neuzeit gewannen die Sprachen, hauptsächlich wegen der Entdeckungen und des sich daraus entwickelnden Handels, immer mehr an Bedeutung. Sprachen zu lernen, war nun eine Notwendigkeit. So besann man sich zurück an die Ursprünge, und entdeckte erneut die Lehre des Alt-Griechischen und des Lateinischen, und somit auch die Lehre der Grammatik. Seitdem hat die Sprachlehre und die Sprachwissenschaft enorme Fortschritte gemacht; Theorien wurden entwickelt, angewandt, revidiert: Von der Grammatik-Übersetzungsmethode über die direkte Methode und die audiolinguale/audiovisuelle Methode bis hin zur kommunikativ-pragmatischen Methode.

In dieser ersten Hausarbeit werden wir uns mit den Unterschieden zwischen der linguistischen und der didaktischen Grammatik beschäftigen, sowohl in einem theoretischen Rahmen, als auch in ganz konkreten praktischen Anwendungen im Fremdsprachenunterricht. Es werden die Merkmale beider Grammatiken beschrieben werden, die Beziehungen zwischen ihnen dargestellt und die Übergänge von der linguistischen in die didaktische Grammatik hervorgehoben werden. Dabei wird der Versuch unternommen werden, alle theoretischen Aspekte mit Beispielen aus der Unterrichtspraxis anhand eines Lehrwerks zu belegen.

  1. Die Grammatik

Die Aufgabe, den Begriff „Grammatik“ zu definieren, erscheint auf den ersten Anblick leicht zu sein. Im Brockhaus Universal Lexikon (2003, S. 2681) ist folgende Definition zu lesen: „Grammatik [zu grch. grámma »Buchstabe«, »Geschriebenes«,] die (Sprachlehre), Teildisziplin der Sprachwiss., die sich mit den sprachl. Formen und deren Funktion im Satz, mit den Gesetzmäßigkeiten und dem Bau einer Sprache beschäftigt; …“ Doch wenn man weiter liest, stößt man auf Begriffe wie „historische Grammatik“, „deskriptive Grammatik“, „normative Grammatik“ oder „generative Grammatik“. Also ist Grammatik nicht gleich Grammatik. Der Begriff „Grammatik“ ist wohl eher ein übergeordneter Begriff. Nach Genzmer (1998:13) unterscheidet man Grammatik hauptsächlich in deskriptive und normative Grammatik, also zwischen einer „beschreibenden“ Grammatik und einer Regelgrammatik. Genzmer charakterisiert die deskriptive Grammatik als „flexibel, progressiv und prozessorientiert“, während er die normative Grammatik als „starr, konservativ und produktorientiert“ bezeichnet.

Die Autoren Funk/Koenig(2003:12f), wie auch Tsokoglou (2003:14ff) beziehen sich auf die von Helbig aufgestellten Differenzierung, welche zwischen einer Grammatik A, B und C unterscheidet. Als Grammatik A wird die Grammatik als Regelsystem definiert, als Grammatik B die Beschreibung des Regelsystems und als Grammatik C die „Grammatik im Kopf“. Des weiteren wird die Grammatik B in linguistische und didaktische Grammatik aufgeteilt. Wie man sehen kann, ist Grammatik vielschichtig und kann somit verschiedentlich gebraucht und angewandt werden.

Abgesehen von diesem streng sprachwissenschaftlichen Rahmen des Studiums und der Forschung, muss doch zwischen einer Grammatik für den Muttersprachunterricht und einer für den Fremdsprachenunterricht unterschieden werden. Und auch im Fremdsprachenunterricht gibt es den Unterschied zwischen einer Anfängergrammatik und einer Fortgeschrittenengrammatik. Sehr große Anwendung im Unterricht finden auch Übungsgrammatiken. Der größte Beleg hierfür ist das breite Angebot von Übungsgrammatiken und Lehrwerksgrammatiken, die bereits auf dem Markt erschienen sind. Hierbei muss jedoch darauf verwiesen werden, dass das Thema „Grammatik“ eine sehr große Ausdehnung hat und nicht im Rahmen dieser Arbeit ausgeschöpft werden kann.

 

1.1 Linguistische Grammatik

Für einen Linguisten ist die oben aufgeführte Definition der Grammatik aus dem Brockhaus zu ‘lexikalisch’, also nicht ausreichend, nicht spezifiziert. Für ihn ist Grammatik ein Regelsystem, das einem Sprecher hilft, beliebig viele Sätze seiner Sprache hervorzubringen und zu verstehen, also ein „Programm“, ein Gehirn des Menschen. Dieses „Programm“ basiert auf verschiedene Modelle oder Konstruktionen der unterschiedlichsten Satzarten einer Sprache. So ist ein Sprecher in der Lage, auf Grund dieser Modelle, Sätze nicht nur zu konstruieren, sondern auch zu analysieren.

Wenn man die linguistische Grammatik begrifflich festzulegen hat, kann – nach Tsokoglou (2002:29) – die These aufgestellt werden, dass sie nur als Grundlage für den Sprachunterricht generell und somit auch für den Fremdsprachenunterricht speziell gilt. Die linguistische Grammatik folgt systeminternen linguistischen Prinzipien, wodurch sie beispielsweise auf eine Sprach- bzw. Grammatiktheorie angewiesen ist. Ferner wird sie mit Hilfe linguistischer Terminologie beschrieben. Ihre Hauptfunktion liegt darin, dass sie der Vermittlung und Festigung von grammatischen Kenntnissen dient. Sie ist vollständig und erfasst die Vollständigkeit der grammatischen Phänomene, wobei Ausnahmen eine sehr wichtige Rolle spielen. Eine linguistische Grammatik zeichnet sich einerseits dadurch aus, dass die in ihrer Beschreibung und Darstellung abstrakt ist, andererseits in ihrer Darstellung sehr kurz ist. Bemerkt werden müsste auch, dass die linguistische Grammatik keine lernpsychologischen Vorgaben und Rücksichten in Kauf nimmt.

Funk und Koenig (2003:12) beziehen sich, ebenfalls wie Tsokoglou, auf Helbig und geben für linguistische Grammatik folgende Definition: „Die Grammatik B ist zunächst eine Sprachbeschreibung zu sprachwissenschaftlichen Zwecken, eine linguistische Grammatik also. Diese Grammatik bezeichnet er als Grammatik B1“.

 

1.2 Didaktische Grammatik

Für den Pädagogen hingegen ist die Grammatik ein Werkzeug, also ein Hilfsmittel, auf das er jederzeit zurückgreifen kann, um seine didaktisch-pädagogischen Ziele zu erreichen. Für ihn ist sie kein „muss“, denn sehr viele Lehrer richten sich nach den neuesten Erkenntnissen der pädagogischen Wissenschaft, wonach die Grammatik nicht im Vordergrund des Lehrens und des Erlernens einer  Fremdsprache ist, sondern primär großer Wert auf Kommunikation in der fremden Sprache gelegt wird. Genzmer (1998:16) bemerkt: „Bei Sprache geht es um Information und deren erfolgreiche Kommunikation“. Und dies gleich von der ersten Stunde an. Grammatik wird den Lernern anfangs fast „unbewusst“ vermittelt, also verdeckt. Drillübungen und Paukerei sind schon lange passé. Grammatik gewinnt hauptsächlich in Fortgeschrittenenkursen eine wichtigere Rolle, vor allem bei den Erwachsenenkursen, da man als Lerner sich erst einen Ausgangspunkt in der Fremdsprache erarbeitet haben muss, bevor man die Grammatik der Fremdsprache, die man lernt, aufnehmen, verarbeiten und dann mit der Grammatik der eigenen Sprache vergleichen kann. Charakteristisch dafür ist der erwachsene Lerner, der griechische Philologie studiert hat. Er versucht alles, was er lernt mit der altgriechischen Grammatik in Verbindung zu bringen, da er sehr schnell merkt, dass es ein sehr großes Verhältnis zwischen der altgriechischen und der deutschen Grammatik gibt.

Wenn man nun vor der Aufgabe steht, die didaktische Grammatik zu definieren – kann nach Tsokoglou (2002:29) – als Erstes bemerkt werden, dass sie ein direktes Lehrmaterial darstellt, welches direkt, also unmittelbar im Unterricht eingesetzt werden kann. Die didaktische Grammatik als solche unterliegt didaktisch-methodischen Prinzipien: sie ist lektionsmäßig gegliedert, folgt einer schrittweisen Progression vom Einfachen zum Schwierigen und wird durch technische und andere Hilfsmittel im Unterricht unterstützt. Eines der Hauptziele der didaktischen Grammatik ist die Entwicklung sprachlicher Fertigkeiten, wobei sie durch zahlreiche Übungen einerseits, und die Auswahl grammatischer Phänomene andererseits in dieser Rolle bestärkt und unterstützt wird. Besonders charakteristisch für die didaktische Grammatik ist die Ausführlichkeit der Darstellung und die Berücksichtigung lernpsychologischer Kategorien wie Verstehbarkeit, Behaltbarkeit und Anwendbarkeit.

 

  1. Anwendungsgebiete und Anwendungsmöglichkeiten

Den in den Abschnitten 1.1 und 1.2 dieser Arbeit gegebenen Definitionen folgend, betreffs linguistische und didaktische Grammatik, ist es sehr leicht anzunehmen, dass die Anwendungsgebiete und die Anwendungsmöglichkeiten der beiden Grammatiken kontrovers zueinander liegen müssten. Die linguistische Grammatik ist hauptsächlich für Linguisten bestimmt, während die didaktische Grammatik sich an Pädagogen richtet. An dieser Stelle ist es notwendig, das Wort „Pädagoge“ zu definieren. Mit Pädagoge ist hier das griechische Wort «παιδαγωγός» gemeint, und zwar in der Bedeutung des Altgriechischen. Die Analyse des Wortes führt uns zu den Wörtern «παιδί», was Kind bedeutet und «άγω», was führen bedeutet. Also ist es derjenige, der das Kind führt, der es erzieht. Und dies ist kein anderer als der Lehrer. Da nicht alles Gold ist, was glänzt, muss man zwischen Lehrern-Pädagogen und Lehrern-Beamten unterscheiden, da sie sich hauptsächlich in ihrer Arbeitsmentalität, Hilfsbereitschaft, ihren Einsatz, ihr Interesse und ihrer Fürsorge unterscheiden. In dieser Arbeit steht das Wort Lehrer als Synonym für den Lehrer-Pädagogen. In dieser Person vereinen sich die Linguistik als Teil der Sprachwissenschaft und die Pädagogik als Teil der notwendigen Ausbildung eines Lehrers und somit auch die linguistische und die didaktische Grammatik.

Der DUDEN – Die Grammatik, welche als eine linguistische Grammatik bezeichnet werden kann, findet Anwendung beispielsweise unter Studenten der Germanistik, oder der Linguistik. Aber auch viele Akademiker greifen zum DUDEN. Er ist für die meisten, so etwas wie der Leuchtturm für die Seeleute in einer regnerischen, stürmischen Nacht. Er fungiert als Orientierungs- und Ausgangspunkt, denn er lässt keine Fragen offen. Andererseits könnte man kein Werk als eine „didaktische Grammatik“ bezeichnen, denn sie ist ja lediglich die Grammatik die im Unterricht als „direktes Lehrmaterial“  eingesetzt wird und somit in vielfältiger Form in den verschiedenen Lehrwerken integriert ist.

Die Frage, die nun gestellt werden könnte, ist, in welcher Art und Weise die linguistische und die grammatische Grammatik in einer Person aufeinander treffen könnten. Wie schon angedeutet, verkörpert ein Fremdsprachenlehrer sowohl den Wissenschaftler, als auch den Pädagogen. Eine der Aufgaben des Lehrers ist es, die verschiedenen, ihm zur Verfügung stehenden Lehrwerke beurteilen zu können. Die Frage auf die er antworten muss ist, ob die jeweiligen grammatischen Phänomene in einem Lehrwerk methodisch-didaktisch korrekt von den Lehrbuchautoren verarbeitet worden sind. Es ist heute nicht möglich, einfach ein Lehrwerk aus dem Regal zu nehmen, in die Klasse zu gehen und den Unterricht zu beginnen. Da die Grammatik eine Konstante im Fremdsprachenunterricht ist, um die niemand herumkommen kann, spielte ihre Progression einst eine große Rolle. Die Autoren Funk/Koenig (2003:62) stellten hingegen die These auf, dass es „keine von der Sprache selbst vorgeschriebene, d.h. „aus der Sprache heraus“ begründbare Gesamtprogression der Grammatik“ gibt. So kann der Lehrer in die in einem Lehrbuch vorgegebene Kapitelreihenfolge eingreifen und diese verändern. Wir versuchen dies anhand zweier Beispiele von Lehrbüchern zu verdeutlichen: Das älteren Deutschlehrern als BNS bekannte Lehrbuch „Deutsch als Fremdsprache“ vom Klett-Verlag, wobei BNS die Anfangsbuchstaben der Autoren Braun, Nieder und Schmöe sind, galt als das Beispiel par excellence der Grammatikprogression für den DaF-Unterricht. Dieses Ende der 70er Jahre herausgegebene Lehrbuch, hinderte nicht viele Lehrer daran, es bis Anfang der 90er Jahre einzusetzen. An diesem Lehrwerk brauchte kein Lehrer etwas zu ändern, denn die Lektionen waren grammatisch aufeinanderfolgend harmonisch abgestimmt. Im Gegensatz dazu stand das Lehrwerk „Sprachkurs Deutsch“, vom Verlag Sauerländer/Diesterweg. BNS war nach der audiovisuellen Methode ausgerichtet, „Sprachkurs Deutsch“ nach der kommunikativen Methode, was zur Folge hatte, dass es eine ganz andere Grammatikprogression hatte als BNS. Aus diesen beiden Beispielen wird ersichtlich, dass die Autoren Funk/Koenig in ihrer aufgestellten These Recht hatten.

 

2.1. Die Umformung der linguistischen in eine didaktische Grammatik

Tsokoglou (2003:24f) hebt die Notwendigkeit einer Umformung der linguistischen in eine didaktische Grammatik hervor, da es wichtig ist, ein „direktes Lehrmaterial“ zu erarbeiten, welches den Lernern helfen wird, in ihren Köpfen die Grammatik C zu entwickeln. Sie richtet sich nach Helbig, der folgenden Faktoren der Umformung der linguistischen in eine didaktische Grammatik eine entscheidende Rolle zuordnet: Zuerst muss auf die Unterrichtsziele und deren Fertigkeiten, wie z.B. Sprechen, Schreiben, Hören, Lesen, Rücksicht genommen werden. Daraufhin auf linguistische Faktoren, wie beispielsweise die „Häufigkeit bestimmter sprachlicher Erscheinungen“. Sehr wichtig ist der Faktor des Alters, (Kinder, Jugendliche, Erwachsene), der Lerntheorie, der Unterrichtsstufe (Grund-, Mittel- und Oberstufe), sowie der Unterrichtsform (Einzel- oder Gruppenunterricht) und der Stand der im Unterricht verwendeten technischen Unterrichtsmittel. Doch reichen diese Umformungsfaktoren nicht aus, denn man muss die Methodik berücksichtigen, deren Aufgabe es ist, von den eben aufgestellten Faktoren zu entscheiden, „was vom Sprachstoff wie, wann und in welchem Grad zu vermitteln und zu festigen ist“, wobei berücksichtigt werden muss, dass die eben gestellten Fragen abhängig voneinander sind, da die eine die andere beeinflusst. Dies ist die Aufgabe der Lehrbuchautoren, die bei der Schaffung eines Lehrwerkes mitwirken. Sie sind die Professionellen, die von der Grammatik B1 ausgehend und die Umformungsfaktoren Helbigs berücksichtigend, eine in den Lehrbüchern integrierte Grammatik B2 kreieren müssen, so dass der Lehrer unter Berücksichtigung der Methodik-Didaktik seine Schüler zur Bildung der Grammatik C verhelfen kann.

 

2.2. Das Perfekt in der linguistischen Grammatik

Im Vorwort der DUDEN-Grammatik ist unter anderem zu lesen: „… Gegenstand der DUDEN-Grammatik ist die gesprochene und vor allem die geschriebene deutsche Standartsprache (Hochsprache) der Gegenwart. … Die DUDEN-Grammatik hilft, wo dies wissenschaftlich begründet ist, Normunsicherheiten zu klären. Dies tut sie auch, weil sie Sicherheit im Gebrauch der Standartsprache vermitteln will. …“ Dies ist mitunter einer der Gründe warum der DUDEN im Rahmen dieser Arbeit als linguistische Grammatik auserwählt wurde. Als grammatisches Phänomen wurde das Perfekt auserkoren, weil es im deutschen Sprachgebrauch sehr häufig angewandt wird, es aber für einen Deutsch-Lerner sehr schwierig zu lernen ist, hauptsächlichen wegen der unregelmäßigen Verben.

Das Perfekt wird im DUDEN nicht wie in einer Übungsgrammatik eingeführt. Da der DUDEN auf dem Prinzip «vom Laut über das Wort und den Satz bis hin zum Text» aufgebaut ist, ist man gezwungen zuerst das Register aufzuschlagen . Dort sind keine Seitenzahlen vermerkt, sondern wie im Anfang des Registers zu lesen ist, die Randziffern im Text. Diesen Anweisungen und der zuerst vermerkten Ziffer 247 folgend, gelangt man zur Seite 146, wo man auf einen Text stößt, dessen Titel «Funktionsbestimmung der Tempora» lautet. Dort kann man folgende Definition des Perfekts lesen: „Das Perfekt stellt den Abschluss oder Vollzug eines Geschehens (einer Handlung) als eine im Sprechzeitpunkt gegebene Tatsache oder Eigenschaft fest. Daneben kann es den Abschluss oder Vollzug auch für einen Zeitpunkt in der Zukunft feststellen.“  Die nächsten Ziffern (258-260) führen uns zur Seite 151 , wo sofort auf vier Verwendungsweisen hingewiesen wird: den Bezug auf Vergangenes, den Bezug auf allgemein Gültiges, den Bezug auf vergangenes und zuletzt auf das Szenische Perfekt. Daraufhin geht der DUDEN auf das Verhältnis zwischen Präteritum und Perfekt ein. Auf diesen 2½ Seiten ist keinerlei Tabelle zu sehen. Die Ziffern 221-225 führen uns wieder zu einem Text auf der Seite 121 , der uns über die Perfektbildung mit „haben“ oder „sein“ informiert, aber dem Titel „Einfache und Zusammengesetzte Formen“ unterliegt. Das Verhältnis zwischen Perfekt und Futur II ist auf Seite 154  unter der Ziffer 267 nachzulesen.

Dass es sich beim DUDEN um eine linguistische Grammatik handelt, so wie die Merkmale einer linguistischen Grammatik bei  Tsokoglou (2003:21f) aufgelistet sind, lässt sich aufgrund der Tatsache nachweisen, dass der DUDEN vollständig ist. Die Zersplitterung der Inhalte und der Darstellungen des Perfekts in so viele Seiten, lässt schließen, dass alle Aspekte des grammatischen Phänomens erfasst worden sind. Das wohl charakteristischste Beispiel der Vertiefung ins Detail, ist der Vermerk des „Szenischen Perfekts“  auf Seite 152. Dort wird analysiert, dass das Perfekt anstelle des Plusquamperfekts treten kann, „um ein vergangenes Geschehen lebendig vor Augen treten zu lassen“. Dieser Eintrag kann in keiner Übungsgrammatik gefunden werden, denn er ist auch für den Lerner von nichtiger Bedeutung. Und falls der Lerner in der Oberstufe bei der Lektüre eines literarischen Werkes auf solch eine grammatische Anwendung stoßen sollte, wird er es höchstens als Perfekt realisieren. Selbst der deutsche Durchschnittsbürger weiß nichts vom Szenischen Perfekt. Ein weiterer Nachweis, dass es sich beim DUDEN um eine linguistische Grammatik handelt, ist das Merkmal der Kürze der Darstellung. Das Szenische Perfekt wird in vier Zeilen definiert und mit einem zweizeiligen Beispiel veranschaulicht. Durchaus könnte man hier behaupten, die Beschreibung ist kurz und bündig.

 

2.3. Das Perfekt im Lehrwerk Tangram

Die Auswahl des Lehrwerkes für diese Hausarbeit war schwierig, da der Entschluss gefasst wurde, ein Lehrwerk auszuwählen, das relativ neu ist, sich nach dem neuesten Stand der Didaktik/Methodik richtet, und gleichzeitig sowohl in Deutschland, als auch im Ausland eingesetzt werden kann. Die Entscheidung fiel zugunsten des Lehrwerks «Tangram» des Hueber Verlages aus, welches Ende der 90er Jahre für Erwachsene Anfänger konzipiert wurde. Es führt in 2 Bänden oder in 4 Halbbänden zusammen mit dem dritten Band «Tangram Z» zur Zertifikatsprüfung des Goethe-Instituts. Es ist modern, vielfarbig, vielfältig, und gibt den Eindruck des „heutigen“, denn in den beinhalteten Fotos sind beispielsweise keine Haarschnitte der ABBA und Boney-M Ära, oder Autos wie der Audi NSU zu sehen. Lehr- und Arbeitsbücher sind in einem Band zusammengefasst, was einen positiven Eindruck auf die Lerner macht, was auf psychologische Gründe zurückzuführen ist, wobei das Arbeitsbuch sich im hinteren Teil des Bandes befindet und schwarz-weiß ist.

Das Perfekt wird im Band 1B im neunten Kapitel  eingeführt, wie aus dem Inhaltsverzeichnis zu entnehmen ist. Das Thema des Kapitels ist «Urlaub und Reisen» , was immer einen positiven Eindruck auf die Schüler macht, da man denkt, man könne „abschalten“ und ein bisschen träumen. Dies wiederum ist positiv für den Unterrichtsablauf, da die Schüler motiviert sind und somit ein recht schwieriges grammatisches Phänomen eingeführt werden kann. Auf den ersten drei Seiten  des Lehrbuches wird nicht auf das Perfekt eingegangen, sondern nur auf das Thema Urlaub. Erst auf der vierten Seite des Kapitels erscheinen zwei Postkarten und ein Brief, die im Perfekt geschrieben sind, und Aufgabe der Schüler ist es, die Verben zu unterstreichen . Die erste Übung darunter, fordert die Schüler auf, Sätze aus der ersten Postkarte in ein vorgegebenes Schema des Typs «S-P1-Ergänzung-P2» niederzuschreiben. Somit wird die Basisstruktur des Perfekts den Schülern visualisiert und durch eigenes Mitmachen bewusst gemacht. Am Ende der Seite befindet sich ein Kästchen mit einem roten Ausrufezeichen, das die Regel des Perfekts beinhaltet, welche aber von den Schülern ergänzt werden muss. Die selbe Vorgehensweise wird auf der nächsten Seite angewandt : die Schüler werden aufgefordert, in kleinen Gruppen die vorgegebenen Plakate A bis G zu ergänzen, die sich darin unterscheiden, dass sie die verschiedenen Infinitive der Verben kategorisieren. Danach können die weiter unten stehenden Regeln 1-7 den Plakaten A bis G zugeordnet werden. Auch hier geht das Lehrwerk nach dem selben Prinzip vor: Lernen durch Mitmachen. Die Seite 108 des Buches  beginnt mit einem kleinen HV, wobei die Schüler aufgefordert werden, Verben mit einem Stift dort zu markieren, wo sie betont werden. In Zusammenhang mit der darauffolgenden Kastenübung können sich die Schüler die Regel der Partizipbildung der zusammengesetzten Verben (mit oder ohne -ge) erarbeiten und auf der darauffolgenden Übung diese Erkenntnisse festigen. Bemerkenswert ist auch der Rap-Text auf Seite 114 . Anhand von Musik und dem dazu passenden Text wird das Perfekt akustisch weitergegeben. Der Ansatz ist sehr gut durchdacht, Rap-Musik kommt heute noch an, vor allem bei jungen Erwachsenen, doch der einzige Nachteil ist, dass es vielleicht in 5 Jahren nicht «cool» sein wird, Rap-Musik zu hören. Zu guter letzt steht am Ende des Kapitels  die Zusammenfassung der Grammatik unter dem Titel „kurz und bündig“. Übersichtlich angeordnet und somit optisch nicht abweisend, lädt die Zusammenfassung der Grammatik ein, eventuelle Unklarheiten noch einmal nachzulesen.

Eine verschiedene Konzeption, als andere Arbeitsbücher, hat das integrierte Arbeitsbuch von Tangram: Die ersten beiden Perfektübungen  laden die Schüler dazu ein, die Sätze syntaktisch richtig zu schreiben. Dann dürfen sie die Regel bezüglich der Satzstellung des Perfekts ausfüllen . Nicht oft findet man in Arbeitsbüchern die Wiederholung von Regeln wie in der Übung B5, was zur Stärkung des Gefühls der Sicherheit beim Schüler führt, denn er weiß, er kann sich nicht nur auf seinen Lehrer, sondern auch auf sein Lehrwerk verlassen.

 

  1. Vergleich – Kommentar

Der DUDEN könnte durchaus als das „totale“ Grammatikwerk bezeichnet werden, nach dem sich alle richten können. Dass es sich um eine linguistische Grammatik handelt, wurde im Abschnitt 2.2 der vorliegenden Arbeit belegt. Dieses Werk mit jeglicher anderer Grammatik zu vergleichen wäre ein Sakrileg, und schon gar nicht mit einer „didaktischen“ Grammatik eines Lehrbuches. Die Autorenredaktion des DUDEN legt in der Einleitung dar, dass sich der DUDEN „als praktisches Handbuch für das Unterrichten von Deutsch als Fremdsprache“, woraus sich eindeutig schließen lässt, dass sich der DUDEN an den Lehrer wendet, und nicht an die DaF-Lerner. Es wäre fatal, Auszüge aus dem DUDEN im Unterricht einsetzen zu wollen, da die Sprache selbst, welche im DUDEN ihre Anwendung findet, überhaupt nicht für Lerner geeignet ist.

Tangram ist insofern innovativ, im Vergleich zu anderen Lehrwerken, da es auf ein ganz simples Lernprinzip basiert, welches schon länger in der Vorschule angewandt wird: Lernen durch spielen und mitmachen. Die Regeln werden nicht einfach vorgegeben, sondern sie werden von Schülern erarbeitet. Dieses Lernprinzip sollte nicht einfach als kindisch eingestuft werden, denn ist in Wirklichkeit von großer Effektivität, vor allem bei jungen Erwachsenen. Zudem kommt noch der lernpsychologische Faktor des Zusammengehörigkeitsgefühls zu einer bestimmten Gruppe, der in diesem Lehrwerk große Anwendung findet. Beim Schüler wird dadurch das Selbstsicherheitsgefühl gestärkt, denn er kann sicher sein, wenn er es nicht sofort erkennt oder löst, ist seine Gruppe für ihn da. So ist der Schüler nicht einfach Empfänger, sondern er ist Akteur, er handelt. Und somit wird aus der Paukerei konstruktives Agieren in der Gruppe, was zu einer leichteren Aufnahme der deutschen Grammatik wird.

Aus der im Abschnitt 2.3 der vorliegenden Arbeit dargestellten Analyse des Lehrwerkes «Tangram» wird ersichtlich, dass die im Lehrwerk eingebettete Grammatik eine didaktische Grammatik von höchster Effizienz ist. Sie erfüllt alle von Tsokoglou (2003:21f) aufgelisteten Merkmale einer didaktischen Grammatik, da sie direkt im Unterricht eingesetzt wird, didaktisch-methodischen und lernpsychologischen Prinzipien folgt, sie ist in Lektionen gegliedert, und zielt natürlich auf die Entwicklung von sprachlichen Fertigkeiten. So müssen beispielweise die Schüler auf Seite 108 im Abschnitt B8 Fragen und Antworten erarbeiten und diese untereinander in der Runde mündlich vortragen. Was die Gliederung betrifft, wird zuerst die Regel «haben oder sein + Partizip Perfekt» eingeführt, dann die Unterscheidung zwischen trennbaren und untrennbaren Verben und erst später auf die Verben mit der Endung –ieren aufmerksam gemacht. Dies deckt auch das Merkmal der Ausführlichkeit.

 

  1. Zusammenfassung

Wenn man die Sprache mit dem menschlichen Körper vergleichen würde, könnte man durchaus behaupten, dass die Grammatik das Skelett der Sprache ist. Aber da der Körper nun mal mehr ist, als nur das Skelett, so ist auch die Sprache mehr als nur Grammatik. Die Sprache ist genauso kompliziert, vielfältig, vielschichtig, kann aber auch, genau wie der menschliche Körper, sehr schön sein. Und genau diese Schönheit zu vermitteln, ist die wichtigste Aufgabe des Lehrers. Denn er muss sich vor Augen führen, dass beispielsweise in der Filmindustrie Skelette bei Gruselfilmen auftauchen, was erschrickt und eine ablehnende Haltung beim Zuschauer hervorruft. Den gleichen Effekt hätte ein Unterricht, bei dem Grammatik und Syntax den Schwerpunkt bilden würden, flankiert von Übungen, Übungen, Übungen. Der Sprachunterricht braucht auch sein Nervensystem, seine Muskelmasse, seine Fettpolsterchen an den richtigen Stellen, sowie auch Haut und Farbe. Dann wird die Sprache, gleichsam dem menschlichen Körper, attraktiv und begehrenswert. Gibt es denn eine schönere Einladung, um eine Fremdsprache zu lernen?

Literaturverzeichnis

Brockhaus Universal Lexikon, (2003), Band 8. Leipzig: F.A. Brockhaus

Dellapiazza Rosa-Maria, von Jan Eduard, Schönherr Till, (2002), TANGRAM Deutsch als Fremdsprache, Kurs- und Arbeitsbuch 1B. Ismaning: Max Hueber Verlag

DUDEN – Die Grammatik, (1998), Band 4. Mannheim: Bibliographisches Institut

Funk Herrmann, Koenig Michael, (2003): Grammatik lehren und lernen. Berlin, München, Wien, Zürich, New York: Langenscheidt

Genzmer Herbert, (1998): Sprache in Bewegung – Eine deutsche Grammatik. Frankfurt am Main/Leipzig: Suhrkamp Taschenbuch

Tsokoglou Angeliki, (2002): Grammatik und ihre Vermittlung im Fremdsprachenunterricht. Band A. Patra: EAP

 

Diese Arbeit wurde im Dezember 2004 in Frankfurt verfasst und bei Prof. Dr. Berberoglou im Rahmen des Postgraduiertensturiums der AEP Universität Patras eingereicht.

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